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nicht kritisch gelesen. Wo
findet sich auch in den bei uns eingeführten englischen Historikern der Krieg
Philipps II. von Spanien mit England
in das rechte Licht gerückt? Wo erfuhrt unsure Jugend, daß Spanien nur aus
Notwehr seine Armada aussandte, um sich vor den jahrzehutelamgeu Plünderungen
und Brandschatzungen Ruho zu verschaffen, mit denen englische Freibeuter im
tiefsten Urieden, aber mit Billigung ihrer Königin, seine Küsten und Kolonien heimsuchten?
Sind die von Cromwell, Karl II.
und Wilhelm III. gegen Holland,
Spanien und Frankreich geführten Kriege entschuldbareren Motiven entsprungen
als die Raubkriege Ludwigs XIV.? — Aber etwas Ähnliches spricht ja auch Seeley in seinem Werke The Expansion of England aus, wird man uns entgegenhalten. —
Ganz recht; aber ist es nicht auffällig und nur aus der allgemein geteilten
früheren Voreingenounnenheit für England zu erklären, daß keine der
Schulausgaben, die uns von Seeleys Buch vorliegen, das für den Geist englischer
Politik so bezeichnende Kapitel “War and
Commerce” aufgenommen
hat? Warum wird in unseren englischen Lesebüchern, die ein Kapitel über
Wilberforce und die Abschaffung des Sklavenhandels bringen, wohl der edle
Menschenfreund gepriesen, aber verschwiegen, daß das Ziel, an das er die Arbeit
seines Lebens setzte, erst erreicht wurde, als der Sklavenhandel für die
englischen Kaufleute kein Geschäft mehr war? Warum haben wir nicht längst dazu
beigetragen, die große Lüge zu zerstören, daß England der Beschützer der
bedrängten kleinen Völker sei, wo doch die physische und
intelluktuello Verelendung der Iren, die Vergewaltigung Dänemarks (1807), die
Beraubung Hollands (Kapkolonie), die Ausbeutung Portugals — um nur diese
wenigen Fälle unter vielen zu nennen — das Gegenteil beweisen? — Aber, so mag
man entgegnen, das mag ja alles seine Richtigkeit für das siebzehuto und
achtzehnte Jahrhundert, vielleicht auch noch für die erste Hälfte des
neunzehnten haben; das England der letzten fünfzig Jahre kann doch einer so
rücksichtslosen, Völker- und Menschenrechte nichtachtenden Politik unmöglich
geziehen werden. Im Gegenteil! Diese unedlen Züge der
englischen Politik haben sich mit der zunehmenden Demokratisierung des Landes
noch weiter verschärft. Vordem unverhü lt und robust
zur Schau getragen, haben sie sich „tartüffiert”. Die englischen
Staatsmänner haben es allmählich in der Kunst des cant (der verschämten Heuchelei, wie man
mit Tönnies*) dies Wort vielleicht, übersetzen darf) zu einer kaum noch zu übertreffenden
Meisterschaft gebracht und es verstanden, selbst den gröblichsten Verstößen
gegen Völker- und Menschenrecht ein religiöses oder philanthropisches oder
wenigstens patriotisches Mantelehen umzuhängen. Eine solche
Politik hat selbst bei manchen rechtlich und vorurteilsfrei denkenden Geistern
der englischen Nation nicht selten lauten Widerspruch hervorgerufen. So
hat über diesen cant, der schon Lord
Byron mit Widerwillen und Bitterkeit erfüllte, Sidney Whitman 1887 eine un-
*) F. Tönnies, Englische
Weltpolitik in englischer Beleuchtung, Berlin 1915 (Springer).
widerlegt gebliebene Schrift
veröffentlicht (Conventional Cant, its
Results and Remedy) und an die Spitze seiner Ausführungen ein Kapitel über
„Pharisäismus” gestellt. Er sieht im cant das englische Nationalgebrechen, das, noch verbreiteter als die englische Bigotterie und Trunksucht, mit fast jeder
Form der Selbstsucht und des Lasters in England
mittelbar oder unmittelbar verbunden sei. Carlyle habe (nach seinem Biographen
Froude) cant als die
Kunst bezeichnet, Dinge scheinen zu lassen, was sie nicht sind, eine Kunst,
die die Seelen derer, die sie üben, so vergifte, daß sie schließlich ihre
eigenen ihnen ursprünglich bewußten Fälschungen für wahr halten und so in
aufrichtiger Weise unaufrichtig seien.
Dieser cant wuchert
naturgemäß besonders üppig in der auswärtigen Politik und in den Kriegen
Englands, und noch im Jahre 1913 hat einer der angesehensten Staatsmänner des
Landes, der wegen seiner Verdienste um Ägypten 1901 in don Grafenstand erhobene
Lord Cromer (in seinen Political and
Literary Essays, p. 9) die
Redewendung vom „britischen Geist des ehrlichen Spiels” (fair play) als die Cant-Phrase des Tages bezeichnet (Tönnies,
Englische Weltpolitik usw.).
Aber ob auch gelegentlich von Schriftstellern und Politikern klar erkannt
und verdammt,
Right
or Wrong, my Country!
ist nach wie vor der Grundsatz der englischen
Politik goblieben.
Diese von englischen Staatsmännern und der überwiegenden Mehrheit der
englischen Historiker geflissentlich verschleiert gehaltene
Richtschnur der englischen Politik aus Zeugnissen hervorragender englischer
Autoren vor den Augen unserer Jugend bloßzulegen, ist der Zweck der
vorliegenden Schulausgabe.
Aus solchen Quellen geschöpft, wird diese Auswahl uns, so
hoffen wir, vor dem Vorwurf bewahren, ein gewollt dunkles Bild zusammengestückt
zu haben. Wenn wir nur einige, und nicht einmal die krassesten Fälle von
der Skrupellosigkeit und Selbstsucht der Politik Albions aufgenommen haben, so
gebot dies die Rücksicht auf den Umfang dieses Bändchens. Toneies' schon
genannte Schrift, der wir manche Hinweise verdanken, läßt erkennen, wie
reichhaltig das Material ist, das zu Gebote steht.
Wegen Raummangels mußten auch die meisten der ausgewählten Texte mehr odor
minder gekürzt werden.
Wir haben als Prolog einen dem Sammelband Facts
and Comments (London,
1902) entnommenen Aufsatz von Herbert Spencer vorangestellt, aus dem zu ersehen
ist, wie bekümmert der greise Philosoph dem sich immer ungenierter gebarenden Imperialismus
und Jingoismus zusah. Eine rara avis!
Seeley, der vornehmste unter den die imperialistische Fahne schwingenden
Historikern Englands, ist mit seinen beiden Büchern The Expansion
of
England und The Growth of English
Policy zu bekannt, als
daß es nötig wäre, ihn vorzustellen. Erwähnt sei nur, daß die Lektüre seiner
Schriften heute, wo uns die Augen über England
geöffnet worden sind, geradezu als Offenbarung anmutet.
Schildern die aus Seeley entnommenen
Abschnitte Englands Aufstieg zur Weltmacht, seinen Kampf mit schon verfallenden
oder rivalisierenden Seemächten, seine in diesen Kriegen sich rücksichtslos und
unbedenklich, aber auch erstaunlich großzügig äußernde Machtpolitik, so sind
die Ausschnitte The Rohilla War aus
Macaulays Warren Hastings, The Opium War aus J. Mc Carthy, History of Our Own Times und The Boer War aus dein in dieser Sammlung
(Engl. Authors Liefg. 123)
enthaltenen Bändchen Greater Britain
von M. H. Ferrars schwere
Anklagen gegen die ganz den Interessen seiner gewinnsüchtig en Kaufleute
ergebene englische Politik.
Aber diese Anklagen treten weit zurück gegen die Schuld,
die England in
der Behandlung Irlands auf sich geladen hat. Wer wird ohne innere Empörung die
aus W. H. Lecky, A History
of
England in the Eighteenth Century, aus Green, A Short History of the
English People und aus Jonathan Swift,
A Short view of the State of Ireland
gezogenen Kapitel lesen?
Durch äußerst geschickt angewandte Mittel, durch feine diplomatische Künste
hat es England
vor dem Weltkrieg fertig gebracht, alle jene Erzählungen von den Greueln, die
seine Truppen und wilden Hilfsvölker im amerikanischen Unabhängigkeitskriege
begingen, aus amerikanischen Lesebüchern verschwinden zu lassen. Um so nötiger
erschien es uns daher, die englische Auffassung von Kriegsbrauch und
Menschlichkeit durch einen Abschnitt aus G. O. Trevelyan (Macaulays Neffen und Biographen), The American Revolution, zu boleuchten.
Der seinerzeit hochbedeutsame Essay von Richard Price On Liberty bot eine
zeitgenössische, die Stellung der besonnenen Kreise in England zu dem
amerikanischen Streit und die Kleinlichkeit
und Kurzsichtigkeit der leitenden englischen Staatsmänner vortrefflich ins
Licht rückende Darstellung.
Wie die die volle Entfaltung der persönlichen Freiheit des Individuums
anstrebende englische Verfassung geradezu das Werkzeug wird, da, wo das
wirtschaftliche Interesse von Engländern in Frage kommt, mit größter
Grausamkeit Freiheit und Leben von Nichtengländern zu bedrohen und zu
schädigen, erhellt aus den beiden letzten Abschnitten, England's Share in the Slave-Trade (aus W. H. Leckys oben genanntem
Werk) und English Atrocities in Jamaica
(aus dem ebenfalls schon erwähnten Werk von J. Mc Carthy, A History of Our Own Times).
Die den angeführten Texten beigegebenen Anmerkungen wollen zwei Zwecken
dienen. Sie wollen in erster
Linie den Text erklären, dann
aber darüber hinaus den einzelnen Ausschnitt aus der englischen Geschichte in
den größeren Rahmen des Weltgeschehens einspannen. Erweiterung
des historischen Gesichtskreises unserer Jagend, Einführung in das Verständnis
der Weltpolitik war das Ziel, das uns dabei vorschwebte.
Das Bändchen eignet sich für die oberen Klassen aller höheren Lehranstalten,
der weiblichen wie der männlichen Jugend.
Wir haben noch eine angenehme Pflicht zu erfüllen: der
Verlag von Velhagen & Klasing hat durch bereitwillige und schnelle Beschaffung
der erforderlichen Hilfsmittel ganz wesentlich zum Entstehen des Werhehens
beigetragen. Wir sagen ihm unseren wärmsten Dank.
Berlin
Die Herausgeber.